Kurzurlaub in Wummerland
Soundtrack: Nevermore – Dead heart in a dead world
Im Regen am Samstag... Und nein, das bin nicht ich...
Falls sich noch jemand wundert, warum ich tagelang keine Mail beantwortet hab: Ich war dann mal weg, geografisch zwar nicht weit, aus Sicht des Alltags aber denkbar weit. Oder ohne Schwurbel gesagt: Metal-Festival. Bang Your Head. Scream for me, Balingen!
Entgegen aller Klischees gehört zumindest dieses Festival zu den friedlichsten Flecken, die man finden kann. Gefährlicher war da schon die Anfahrt: Ein sehr tief fliegendes Fahrrad sauste knapp an uns vorbei und gab Anlass für ein vorgezogenes Geburtstagsbier.
Wenig später war die Drei-Löwen-Crew samt steinbockiger Metal-Azubine komplett, der Kofferraum mit Blechwecken gefüllt, ein Parkplatz in Eingangsnähe gebongt. Kaum stand das Auto, lief ein menschlicher Elch vorbei und versuchte, mit einem Brunftrülpsen zu beeindrucken. Die Metal-Azubine widerstand tapfer dem Fluchtreflex.
Zu den Bands: GRAND MAGUS waren die ersten, die wir sahen. Guter Sound und so viel Druck, wie ihn aus irgendeinem Grunde nur Trios erzeugen können. Satt. Danach FORBIDDEN. Viel Bewegung gab es auf der Bühne auch dieses Mal nicht, dafür einen stimmlich gut trainierten Russ Anderson und eine gänsehäutige Version von Dios “Children of the sea”. SABATON: Ja, haha, nee. Kann ich mir nicht geben. Von draußen stachen nur die Pyros raus. LOUDNESS verpassten wird beim Spaziergang ums Gelände, aber bei ANVIL waren wir an der Bühne.
Spaß inne Backen: Lips von Anvil
Tja: so grundsympathisch diese Band ist (seit dieser Doku möchte man die ja ständig knuddeln…) – der Misserfolg der letzten 25 Jahre war vielleicht auch nicht sooo unbegründet. Zumindest in Balingen war das Zusammenspiel lausig, und die Stücke sind teils schon arg altbacken arrangiert. Aber die sind halt so nett, so lieb. Allein wie jugendlich-verschmitzt Lips dieses Vibrator-Solo spielt…
Mountain-King macht Augenpipi: Jon Oliva.
Danach der Mountain-King: JON OLIVA. Noch besser als letztes Jahr beim Warm-Up. Eine Latte an Savatage-Songs, darunter eine Augenpipi-Fassung von “Believe”. Was für eine Nummer. Oliva sieht nicht gesund aus, trotzdem gelingt auch noch ein schönes “Rainbow in the dark” (trotz Keyboards vom Band).

So eine Abkühlung will schon genau kontrolliert sein...
Damit war mein Interesse für Tag 1, an dem es durchgehend lässige 30 Grad und nicht mal Alibiwölkchen gab, weitgehend erlahmt. DORO schenkte ich mir, KROKUS war dann doch etwas lahm und HAMMERFALL ist einfach etwas öde.
Tag 2 brachte eine Überraschung. Nein, nicht den Kater. Die Temperatur hatte sich halbiert, dafür fanden alle Regenwolken zielsicher nach Balingen. Und noch eine Überraschung: HADES. Die hatte ich vor locker 15 Jahren vom Schirm verloren. Sie sind aber gut dabei, Tecchio singt selbst hohe Passagen der ersten beiden Alben fehlerfrei, und die alten Schinken klingen verblüffend frisch.
TREAT? 15 Grad, Dauerregen, die Frisur hält. Nicht meine Baustelle. FATES WARNING war dagegen zum Niederknien. Die Regenjacke war mittlerweile zum Schwamm geworden, die Schuhe zu Booten und ich selber drohte zu ertrinken, denn mir blieb die Klappe offen stehen: auf der Bühne das “Parallels”-Lineup, mit dabei vor allem der faszinierende Mark Zonder. Ray Alder sang, als wäre die 21 Jahre, seit ich die Band zuletzt sah, einfach nicht gewesen. Selbst ein zartes Pflänzchen wie “Nothing left to say” funktionierte vor einer sehr ergebenen Menge, die im saukalten Regen Textsicherheit bewies. Das Highlight des Wochenendes.
Gänsehaut im Dauerregen: Ray Alder von Fates Warning.
Die QUIREBOYS verpasste ich weitgehend auf der Suche nach trockenen Klamotten, was ich aber noch hörte, klang ganz spaßig. Ein Sänger, der mit einem geräumigen Weinglas von der Bühne schlendert, kann fast nicht schlecht sein…
Auf NEVERMORE hatte ich mich riesig gefreut, umso größer die Enttäuschung. Der Sound war matschig, Loomis wirkte lustlos und Dane war mutmaßlich so erkältet, dass er die wenigen zu hörenden Töne mächtig herausquetschen musste. Aber wenn auf eines Verlass ist: mitten im Gedränge vor der Bühne traf ich ein paar Gerstetter Metaller. Tradition verpflichtet eben.
Erkältet wie Sau: Warrel Dane von Nevermore.
Bei DEW-SCENTED in der Halle war der Sound ebenfalls eher verwaschen, dafür klang die Band trotzdem ziemlich tight. Ich wollte aber QUEENSRYCHE sehen. Aber tja… Ich kann es ja keinem Künstler verdenken, wenn er keinen Bock hat, immer Kram zu präsentieren, den er vor 25 Jahren geschrieben hat. Aber kann es sich eine Band wirklich leisten, ein Album wie “Rage for order” zu ignorieren? Die erste halbe Stunde war zum Gähnen, danach wurde es etwas spannender. Klarer Sound, alles präzise gespielt, aber die Seele fehlte.
Dann das Finale: TWISTED SISTER. Ganz großes Entertainment. Unbekannte Songs sind bei einer Band, die seit zwei Dekaden nichts Neues geschrieben hat, aber auch nicht zu befürchten. Trotzdem war “We’re not gonna take it” eine Riesenspaß, weil das Publikum so beharrlich weitersang, dass die Band immer wieder drauf einstieg. So eine Nummer in der ersten Häfte des Gigs zu bringen, erfordert Selbstbewusstsein, und tatsächlich kackte die Stimmung danach nicht ab.
Danach war schon Feierabend – ein letztes Bier und ein erster Gedanke an all die Mails, die mal beantwortet werden sollten. Mach ich bald. Garantiert
PS: die Metal-Azubine schlug sich hervorragend. Elegante Haltung bei der Pommesgabel, verständnisvoll im Umgang mit Metalheads, trinkfest und vor allem geschmackssicher (Fates Warning, Nevermore). Die Verkürzung der Lehrzeit wird vorgeschlagen.
Dienstag, 20. Juli 2010 15:20
Also, was die Azubine angeht hätte ich dann doch was anzumerken. Dass sie mit einer blauen Janis Joplin-Batik-Bluse antritt mag man noch wohlwollend darauf schieben, dass der Lehrmeister was vergessen hat zu erwähnen – die Farbe ist egal, Hauptsache schwarz! Aber sich in einen fahruntüchtigen Zustand zu trinken (und das in beachtlicher Geschwindigkeit), obwohl sie auch als Fahrer gebucht war, das ist schon ein Hammer. Mein Vorschlag deshalb: Praktikum wiederholen!