Ach, das ist gestreift?

Soundtrack: Opeth – Morningrise

Also gut, mit dem neuen Wohnsitz im Schloss scheint es ja nun nichts zu werden. Schade eigentlich, der Gartenteich erschien mir sehr hübsch. Nach diesem Ausflug in die Welt der Großen möchte ich aber trotzdem noch ein bisschen staatstragend daherreden: Es geht um Stolz.

Als ich jung war, also etwa um die Zeit, als aus zwei Deutschländern wieder eines wurde, war die Einordnung relativ einfach: Wer mit dem Aufnhäher “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein” unterwegs war, den konnte man getrost ignorieren, weil: Blödbacke, Rechtsausleger, Mitläufer oder Schreihals – kurz: Saftsack.

20 Jahre später wird nun an diversen Ecken geflötet, man könne ruhig mal wieder stolz auf sein Land sein. Warum das? Weil ein Mädchen einen Schlagerwettbewerb gewonnen hat, weil bald wieder um den Fußballweltpokal gespielt wird, und weil man zuletzt vor vier Jahren quieschtvergnügt in Deutschland kickte.

Waaaahnsinn…

Es kommt mir vor, wie eine unglaublich öde Binsenweisheit, aber allem Anschein ist es nicht so: Stolz – das verrät praktisch jedes Lexikon – ist ein Gefühl, das sich einstellen kann, wenn man etwas Besonderes geleistet hat, wenn man sich selber ein Haus gebaut hat, wenn man aufgehört hat zu saufen oder meinetwegen jemanden aus einem brennenden Haus gerettet hat. Wenn ich mich nicht irre, schließt die Definition aber aus, auf ein Land, auf eine Nation stolz zu sein. Keiner, der stolz auf Deutschland ist, hat das Land gegründet, gebaut oder ihm seine Verfassung gegeben. Ich kann vielleicht auf einen Freundeskreis stolz sein, in dem Nationalisten keinen Platz haben, aber auf eine Nation als solche? Irgendwo (zu blöd, ich finde die Quelle nicht mehr) habe ich kürzlich gelesen, man könne auf die deutsche Geschichte stolz sein. Sorry, wie selektiv kann man wahrnehmen? Nicht nur, dass kaum ein einzelner die deutsche Geschichte verantwortet (und selbst der sollte dann nicht allzu stolz sein…), die deutsche Geschichte hat eben so einige Episoden, auf die nur Arschmaden stolz sein können.

Ein typisches Argument ist auch, dass Amerikaner und Franzosen schließlich auch stolz auf ihr Land seien. Ja gut, wenn wir uns solche großen Vorbilder wählen, sollten wir dringend ein arabisches Land überfallen und irgendein extensiv genutztes Atoll in die Luft jagen. Es gibt bestimmt auch Sudanesen, die stolz auf ihr Land sind.

Und überhaupt: Warum muss Stolz immer mit grölender Unbescheidenheit und aufdringlichen Symbolen einher gehen? Meinetwegen kann sich jeder einen Moment lang freuen, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft (nicht: Deutschland) dieses kommende Turnier gewinnt. Aber wochenlang mit wehenden Fähnchen durch die Gegend fahren? “Schlaaaand!” brüllen? Sich sämtlichen anderen Nationen überlegen fühlen? Dafür gibt’s wirklich keinen Grund, es gab nie einen und es wird auf absehbare Zeit auch keinen geben.

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Autor: admin
Datum: Mittwoch, 9. Juni 2010 19:34
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3 Kommentare

  1. 1

    *hup, tröt, hup*
    Schlaaaaaaaaand, oiSCHLAAAAAAAAND
    *hup, tröt, leiser werdend*

    (Muss man vor diesen Leuten Angst haben? Die imho wenig nachdenken und einfach diesem Massendrang folgen? Bis zu einem gewissen Grad finde ich das ja nachvollziehbar. Aber andererseits: Die Begeisterung in den dunkelbraunen deutschen Geschichtskapiteln dürfte primär nicht anders entstanden sein, oder?)

  2. links for 2010-06-10 « Nur mein Standpunkt
    Donnerstag, 10. Juni 2010 13:04
2

[...] Jens Ebers Blog » Blog Archiv » Ach, das ist gestreift? "Meinetwegen kann sich jeder einen Moment lang freuen, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft (nicht: Deutschland) dieses kommende Turnier gewinnt. Aber wochenlang mit wehenden Fähnchen durch die Gegend fahren? “Schlaaaand!” brüllen? Sich sämtlichen anderen Nationen überlegen fühlen? Dafür gibt’s wirklich keinen Grund, es gab nie einen und es wird auf absehbare Zeit auch keinen geben." (tags: blogs) [...]

  • 3

    Schopenhauer gibt dir Recht: “Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte”.(Zugegeben, eine Seite weiter schimpft er auf Engländer und Franzosen, wodurch er ein wenig an Glaubwürdigkeit verliert).
    Ich möchte allerdings nicht ausschliessen, dass in der Debatte einiges missverständlich ausgedrückt und deshalb falsch interpretiert wird. Ich denke viele meinen nicht im eigentlichen Sinne Stolz, sondern eher eine Art Bewusstsein für die positiven Aspekte unserer jüngeren Geschichte. Wer sich bewusst ist wo Deutschland einmal stand und wohin uns Demokratie und Freiheit in kürzester Zeit gebracht haben, der wird das heutige Deutschland nicht wieder eintauschen wollen. So ist vermutlich auch das Zitat von Ignatz Bubis zu interpretieren: „Wir Deutschen brauchen mehr schwarz-rot-gold, dann hätten wir weniger Probleme mit schwarz-weiß-rot.“

    Das hat natürlich herzlich wenig mit Fussball und dem Eurovision Song Contest zu tun, aber das ist doch um ehrlich zu sein auch nur eine moderne Auffassung des Karnevals, allerdings zu einer besseren Jahreszeit: Ohne eigentlichen Grund wahllos etwas zu feiern und sich kollektiv ein bisschen daneben zu benehmen.

    P.S.: Wenn ich so deine Besucherzahlen sehe läuft deine Seite ja langsam richtig an. Glückwunsch und weiterhin viel Erfolg!

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